ABSTRACTION NOW! Kuenstlerhaus Wien

Eröffnungsrede von Marc Ries

Ich möchte an dieser Stelle einige Überlegungen anführen zur Abstraktionskompetenz vor allem medialer Kunst, oder der Kunst, die von Neuen Medien "hervorgerufen" wird und die ja auch in dieser Ausstellung repräsentativ vertreten ist - worin ich selbst den gewagteren Part in der Eigendefinition dessen sehe, was "Abstraktion Heute" denn nun sein kann.

Gleich zu Beginn möchte ich festhalten, dass ich weniger einer Kontinuitätsthese anhänge, die die Entwicklungen der letzten 15 Jahre im Bereich der Neuen Medien mit den Prozessen in der Bildenden Kunst der 10er und 20er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts, aber auch jene des experimentellen Films und der kinetischen Objektkunst in eine genealogische Beziehung setzt.

Es scheint ja zunächst plausibel, sich dem Programm dieser Ausstellung mit einem jener Argumente anzunähern, das Clement Greenberg in den späten fünfziger Jahren für die "mondernistische Malerei" - aufbauend auf jenes von Mohoy-Nagy in den 30er Jahren - vorbrachte: Sie, die moderne Kunst, finde ihren Gegenstandsbereich im Wesen ihres jeweiligen Mediums, und dominantes Medium der Malerei sei nun einmal ihre Flächigkeit, also habe selbstkritische Kunst sich gerade auf diese mediale Qualität der Flächigkeit zu beziehen, dergestalt, dass ein Betrachter eines modernistischen Gemäldes zuerst das Bild ALS Bild sehe, bevor er den Inhalt des Bildes sucht und eventuell findet.

Wenn nun Kunst sich selbst als mediale definiert, also das Medium bereits im Titel trägt, so scheint der Greenberg´sche Imperativ sich vollends einzulösen, denn die medialen Qualitäten eines digitalen, eines Netz-Bildes prägen - zumindest im Kontext der Kunst - seine Erscheinungsweise. Diese Qualitäten sind zunächst die Flächigkeit des Interface, dann die elektronische "Materie", die Pixel, dann die von den Parametern der jeweiligen Software ermöglichten Modifikationsstrategien und eine je singuläre Bewegungsdramaturgie.

Also würde die Abstraktion in der Gleichung aufgehen: Kunst = Medium = Flächigkeit = Pixel = Softwareparameter. Doch das ist wohl ein etwas zu formalistisches Begehren, das sich hier retrospektiv aktualisiert.

Ich möchte der Abstraktion und dem Jetzt einen etwas anderen Gedanken vorführen. Als die erste Moderne begann ihre Kunst als abstrakte zu verstehen und sie als eine solche zu benennen, das war die Welt selbst bereits allerorten abstrakt geworden. Die industrielle Epoche bot maschinenproduzierte Waren an, deren Herstellungslogik kaum jemand verstand, das Netz der Vergesellschaftung assimilierte die Objekte und verwandelte alles Begegnende zum zufälligen Exemplar einer Gattung, die Selbstdefinition des Menschen gelang nur über kategoriale Zustandsbeschreibungen, die sich individuellem Verstehen entzogen.

Die Eigenschaft, entdinglichte Kunst herzustellen, hatte - zuvorderst - ihr Movens in dem ausserkünstlerischen Feld der Produktivkräfte, die der Gesellschaft einen opaken Spiegel vorhielten. Somit war das Abstrakte Synonym für die gesamte Kultur der Ersten Moderne, in der zwanghaften Unterwerfung, in der Abwehr wie in der Darstellung durch die Kunst, deren Antworten, wie wir wissen, vielfältige waren. Erinnert sei auch an den notwendigen Dualismus, den die Erste Moderne beförderte, den von Abstraktion und Konkretion, denn die Konkretion war ein zu überwindendes oder zu errettendes Charakteristikum dieser Epoche.

Hundert Jahre später hat diese Entwicklung einen seltsamen Bruch erfahren. Mit der Dienstleistungsgesellschaft wird die zunehmend entgleitende Konkretion mit einer hoch ambivalenten Maschine gestoppt. Der Computer vollführt zwar die perfekte Undurchschaubarkeit seiner Rechenprozesse, zugleich ermöglicht er die Schöpfung einer vollkommen autonomen Welt gänzlich neuartiger Objekte, deren "Bedienung" allerdings Neunjährigen problemlos überlassen werden kann. D.h. auch die Erfahrung wächst wieder im Kurs, wenn auch auf den Trümmern der alten Sinnlichkeit. Gerade mit dieser eigentümlichen Spannung aus Abstraktion und Re-Konkretion gelingt es Kunst und Computer Kritik, Alternative und Genuss gleichermaßen zu setzten. Wie das?

Mein Vorschlag ist, die kybernetische Welt in ihrer ästhetischen Anverwandlung nicht mehr ausschließlich als abstrakte zu definieren oder als entsinnlichte zu kritisieren, sondern etwas genauer hinzuschauen und den Versuch zu machen, neue Begrifflichkeiten ins Spiel zu setzen, die den Phänomen näher kommen.

Zunächst möchte ich ihnen mit einer großartigen Beschreibung von Max Bill jenes "Geheimnisvolle des Mathematischen" näherbringen, das heutzutage die Arbeit jedes künstlerischen Prozesses am Computer begleitet: "... ein Raum, der auf der einen Seite beginnt und auf der andern Seite, die gleichzeitig dieselbe ist , in veränderter Form endet; die Begrenzung ohne feste Grenze, ... die Vielfalt, die dennoch eine Einheit bildet; die Vibrationen und Überstrahlungen nebeneinanderliegender Farbpartikel; das Kraftfeld, das aus lauter Variablen besteht; die Parallelen, die sich schneiden, und die Unendlichkeit, die in sich selbst zurückkehrt als Gegenwart; und daneben wieder das Quadrat in seiner ganzen Festigkeit; die Gerade, die von keiner Relativität getrübt wird, und die Kurve, die in jedem ihrer Punkte eine Gerade bildet...."

Paul Valéry hat in einem seiner, den platonischen Dialogen nachgeahmten Texten eine, wenn man so will Dekonstruktion der Repräsentationsästhetik durchgeführt. Da schauen drei gelehrte Männer einer Tänzerin bei ihrem Tanz zu und einer von ihnen behauptet, dass dieser Tanz ja wohl etwas darstellen soll. Sokrates hingegen verneint diesen Wunsch nach Repräsentation und meint, dass jener Tanz "der reine Vorgang der Verwandlungen" sei. Der reine Vorgang der Verwandlungen. Die Verwandlung wird also gegen die Darstellung gesetzt. Da, wo eigentlich Abstraktion stehen sollte, entwirft Valéry angesichts des hoch beweglichen Mediums des Tanzes, oder sollte ich sagen, angesichts des Tanzes als Medium vielfältigster Bewegungsprozesse, entwirft also Valéry den einfachen und doch mächtigen Begriff der Verwandlung um mit ihm: zum einen das Wesen des Tanzes und der Tanzenden auszudrücken, zum anderen um vielleicht einen Hinweis darauf zu geben, wie sich die Kunstformen selbst großen Veränderungen ausgesetzt sehen und das Tafelbild, ebenso wie die Skulptur abgelöst werden durch bewegliche Bilder, vitale Objekte, dynamische Installationen..., die die Veränderung, die Verwandlung als ihr Konstituens ausweisen. Alle hier gezeigten medialen Exponate (doch sind es wirklich Exponate, stellen sie wirklich etwas dar?) werden in der Betrachtung diese Veränderlichkeit, diese Verwandlungsfähigkeit, diese Transformationsbegierde vermitteln - und möglicherweise die Abstraktion, die ja immer noch Bestandteil, sowohl von der Produktion, wie vom Ausdruck her, vergessen lassen. Nein, die Verwandlung ist so etwas wie die Kehrseite, vielleicht auch die dunkle Seite der Abstraktion zeitgenössischer Prägung.

Der Tanz als Leitfigur, als neues Paradigma einer zweiten Moderne!? Nun denkt man, wenn man Verwandlung hört, vielleicht bald einmal an das schöne und auch traditionsschwere Wort der Metamorphose. Allerdings ist es eine oberflächliche Sicht, zu meinen, hier gehe es bloß um Gestaltenwechsel, Pixel, die stets neue Figurationen eingehen. Nein, es geht um mehr, und wenn man das griechische Ursprungswort für Verwandlung nachsucht, findet man den Begriff Metabolé, der im deutschen mit Metabolie übersetzt wird und im bekannteren Metabolismus den Stoff-, und nicht den Gestaltwechsel meint. Und das scheint mir auch ganz wesentlich. Denn Stoff-Wechsel findet tatsächlich statt, wenn found-footage Material zunächst digitalisiert, also in einem photogenerativen Prozess nach den Gesetzen eines abstrakten Äquivalenten wiedererzeugt wird, dann in unterschiedlichster Weise - in der "Trunkenheit des Handelns", wie Valéry sagen würde, also des Programmierens, des Bildbearbeitens und Bildzerstörens - verändert, verwandelt wird und das Ergebnis ein vollkommen neuer, lichter, in ständigem Fließen sich formender Körper ist.

Ein Körper, ein Objekt? Auch hier würde ich versuchen zu nuancieren, Farbpaletten, Linien, Muster etc. bilden keine konventionellen Objekte aus, eher würde ich von "Quasi-Objekten" reden, wie dies Michel Serres und Bruno Latour für all jene Gegenstandsfelder vorgeschlagen haben, die keine eindeutigen Zuordnungen mehr erlauben, zwischen Natur, Technik und Gesellschaft einem gänzlich eigenen Rhythmus folgen.

Das was nun als "abstrakt" zu nennen wieder möglich wird, ist die nicht-illusionistische, nicht-repräsentative, nicht-transzendente Tendenz von Quasi-Objekten, von Bild-Ton-Gemengen, die einen unbestimmten, teils sehr strengen, teils sehr chaotischen Stoffwechsel initiieren, also Szenarien der Verwandlung, über Software ritualisierte Metabolismen, die vom Betrachter, von der Betrachterin ein gleiches fordern: kontinuierlich fortgesetzte Selbstverwandlung, Selbstveränderbarkeit!

ABSCHLIESSEN möchte ich mit einem Zitat aus einem der letzten Texte von Clement Greenberg, wo er zwar über "Intermedia" versucht zu sprechen, jedoch am liebsten über gute moderne Bildende Kunst weiterreden möchte, dabei allerdings ganz hart an die vorherigen Überlegungen anstößt - und beinahe wäre ihm vermutlich ein gleicher oder ähnlicher Gedankengang gelungen. "Es gehört zum Wesen der bildenden Kunst, daß sie dem Zeitfaktor keine Bedeutung zukommen läßt, indem sie gegen alle Vernunft so vieles in einen einzigen Zeitpunkt oder in einige wenige Zeitpunkte zusammendrängt (ALS OB SIE UNZÄHLIGE ENGEL AUF EINER NADELSPITZE TANZEN LIESSE)." Nun, der Zeitfaktor ist - wie auch ausgeführt - genau jene wirkmächtige Instanz, die die aktuelle Kunst anführt und so will ich diesen schönen Satz von Greenberg ganz anders reformulieren:

Abstrakte Kunst heute läßt unzählige Quasi-Objekte auf einer Nadelspitze, genannt Interface, tanzen

und das ist gut so!